Motivationsbrief

Lieber Leidensgenosse!

Vor einigen Tagen telefonierte ich mit Frau Prieß. Sie freute sich mit mir, wie groß die Fortschritte sind, die ich mithilfe der Therapie gemacht habe.

Ich selbst bin darüber natürlich am glücklichsten. Denn ich weiß, wie grauenhaft es ist, eine schwere Wahrnehmungsstörung des Sehens zu haben. Bei mir war diese wirklich richtig schlimm:

Zu Anfang bewegte sich alles um mich herum. Häuser, Bäume, Wände, Türen, Türrahmen kippten in meiner Wahrnehmung nach rechts und nach links. Immer hin und her. Der Boden unter mir kippte vor und zurück, auch seitlich. In der Praxis meines Neurologen liegt ein gelb gepunkteter Teppichboden. Diese Punkte bewegten sich ständig. Wenn draußen ein Auto auf der Straße an mir vorbeifuhr, kam es mir so vor, als würde es direkt auf mich zuhalten. Mein Herz fing unwillkürlich an, schneller zu schlagen. Mein Körper reagierte panisch. Ich sagte mir dann regelmäßig, „Julia, reg´ Dich nicht auf. Du weißt, dass Du an einer Wahrnehmungsstörung leidest. Das Auto fährt nicht direkt auf Dich zu. Es wird Dich nicht überfahren. Beruhig Dich! Alles ist gut.“ Ich konnte mir dies zwar sagen, aber mein Körper rebellierte trotzdem. Es war schlimm. Ich hab´ dann versucht durch ruhiges Atmen dagegen zusteuern, aber wirklich erfolgreich war das nie.

Zusätzlich hatte ich dann noch Doppelbilder und habe alles unscharf gesehen.

In der ersten Trainingsstunde bekam ich dann die ersten Übungen, die ich möglichst jeden Tag für einige Minuten zu Hause machen sollte. Mir wurden die dazu notwendigen Utensilien in die Hand gedrückt. Ich dachte, „Ist ja irgendwie albern dieser Kram“. Aber da ich von anderen gehört hatte, dass diese Übungen helfen, habe ich auch angefangen. Ich hab´ mir gesagt, dass dies die einzige Chance ist, das Sehen wieder zu lernen. Und das wollte ich unbedingt. Wieder richtig sehen können. Mein altes Leben wieder aufnehmen können. Und nicht so ein Wrack sein. Ich wollte niemand sein, der in ständiger Panik ist, weil alles um ihn herum auf ihn einzustürzen droht. Jede Sekunde musste ich diese Angst unterdrücken. Ich wollte unbedingt, dass das wieder weg geht. Ich wollte, dass alles wieder ´normal´ ist. Ich wusste, dass wäre kein Leben, wenn ich es nicht schaffen würde, wieder richtig zu sehen. Dann wäre es wirklich besser gewesen, an der Hirnblutung zu sterben.

Der Neurologe sagte dann einen Satz, der mich bei dem Training immer begleitete, „Das Gehirn lernt bis zum Schluss.“ Dann erklärte er mir, dass bei der Hirnblutung Synapsen zerstört worden seien, die für das richtige Sehen notwendig wären. Doch diese Synapsen könnten sich durch das Visualtraining wieder bilden. Synapsenbildung bedeutet „lernen“. Deshalb sollte ich unbedingt ein Sehtraining machen.

Ich weiß nicht, ob dies aus medizinischer/physiologischer Sicht stimmt. Ich hab´ das mal so geglaubt und mich während der vielen Monate der Therapie daran geklammert. Ich habe die Übungen, auch wenn sie lächerlich waren, gemacht. Wenn ich anderen versucht habe zu erklären, was ich mache, habe ich immer gesagt, „Ist irgendwie wie Kinderspielzeug!“ Und ich habe sehr schnell feststellen können, dass es besser wurde mit dem Sehen. Zuerst hörten Gegenstände auf, sich zu bewegen. Die Punkte auf dem Teppichboden sind jetzt feststehende Punkte. Sie kriechen nicht mehr wie Käfer herum. Das so schön! Herrlich!

Die Doppelbilder und das unscharfe Sehen waren da schon eine andere Hausnummer. Diese Störungen ließen sich nicht so schnell beseitigen. Aber auch hier habe ich riesige Fortschritte gemacht. Doppelbilder sehe ich nur noch für den Bruchteil einer Sekunde.

Richtig scharf kann ich mittlerweile auch sehen.

Wie lange ich dafür gebraucht habe, möchte ich nicht erwähnen. Eine kleine Ewigkeit. Ich habe geübt, geübt und geübt. Tausendfach. Es war ein echtes Elend. Es war so fies anstrengend. Aber ich möchte das Sehen unbedingt wieder lernen. Darum habe ich durchgehalten und werde bis zum Schluss durchhalten.

Ich bin fast durch. Puh, das war hart. Aber es hat sich gelohnt. Das Leben ist schön. Erst recht, wenn man richtig sehen kann. Ich bin glücklich.

So, lieber Leidensgenosse! Ich habe mir Mühe gegeben, Dich mit diesem Brief zu motivieren. Versuch es! Auch, wenn Dir die Übungen noch so bekloppt vorkommen (mir kamen sie oft bekloppt vor). Die Übungen zu machen, ist der einzige Weg, der zum „alten“ Sehen zurückführt. Die Übungen nicht zu machen hätte zur Folge, abgefüllt mit Tranquilizern oder Antidepressiva durch´s weitere Leben zu treiben. Und dafür hast Du doch nicht überlebt, oder?

 

Viel Kraft dafür!

 

Julia Willes

Links und Informationen

BOAF (Behavioral Optometrie Academy Foundation) boaf-eu.org. 
Hier finden Sie Hintergrundinformationen und unter Mitgliedersuche eine Liste aller Anwender

 

Buch: Interdisziplinäre Optometrie - visuelle Störungen im Zusammenhang mit Störungen in anderen Teilsystemen und im Gesamtsystem Mensch   
Michaela Friedrich • ISBN 978-3-942873-38-3

Buch: Fehler muss man sehen - LRS und visuelle Wahrnehmungsstörungen erkennen und behandeln
Dr. Heike Schuhmacher • ISBN 978-3-7323-3456-8

Buch: Sehen – muss man lernen, Sehen - kann man lernen
Uwe Seese • ISBN 978-3-8334-9852-7

 

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Der Eingang zu meiner Praxis befindet sich in der Bürgermeister-Kleine-Straße.

Wenn Sie von der Hahler Straße in die Bürgermeister-Kleine-Straße fahren, dann liegt er nach ca. 20 m auf der linken Seite. 

 

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